Blaudruckerei Koó

Blaues Wunder

Joseph Koó aus dem Burgenland ist einer der wenigen Menschen, die das Handwerk der Blaudrucks mit Indigo noch beherrschen. Damit setzt er eine alte Familientradition fort.

Text: Emely Nobis, Bild: Robert Kalb, Frits Roest

Miriam & Joseph Koó © Robert Kalb

Man könnte die Blaudruckerei Koó im Dorf Steinberg im Burgenland leicht vorbeifahren. Das langgestreckte weiße Haus unterscheidet sich kaum von anderen Häusern in der Straße. Die blau gestrichenen Tür- und Fensterrahmen sind jedoch ein Zeichen. Doch sobald man den Hof betritt, betritt man eine andere Welt. Die L-förmige Werkstatt im Innenhof ist in Bereiche für Stoffe und Stempel, Farbbäder und Walzen, Nähwerkstatt und Verkaufsraum unterteilt. Im Garten hängen große Stoffstücke zum Trocknen an Wäscheleinen. Auf dem Hof stehen Wannen mit grün-blau gefärbtem Wasser und eine Walze. Joseph Koó – selbst ganz in Blau gekleidet – leitet die kleine Blaudruckwerkstatt in der dritten Generation. Der Begriff “Blaudruck” sei eigentlich irreführend, meint er. Die Stoffe werden nicht bedruckt, sondern gefärbt.

Gummiarabikum und Indigo © Frits Roest

Er erklärt, wie das funktioniert. Zunächst wird (“nach einem Geheimrezept”) ein Brei auf der Basis von Gummiarabikum hergestellt. Diese wird auf Stempel geschmiert und damit ein Muster auf gespannten Stoffstreifen aufgebracht. Nachdem das Harz getrocknet ist, wird das Gewebe in meterhohes Steintröge mit Indigofarbe getaucht. Glauben Sie nicht, dass aus dem Trog sofort ein blaues Tuch herauskommt. „Erst nach Kontakt mit Sauerstoff verfärbt sich der Stoff: von gelb über grün bis hin zu blau. Je nach gewünschter Tiefe des Blaus wird die Färbung bis zu zehnmal wiederholt.“

Links: fertig zum Färben, rechts: Stempelwalze © Frits Roest

Überall dort, wo Harz das Gewebe bedeckt hat, kann die Farbe nicht eindringen. Wenn sich das Harz später beim Waschen in warmem Wasser auflöst, erscheint das zuvor aufgetragene Muster weiß. „Das ist der magische Moment.“

Walzen

Innenhof © Frits Roest

Bis in die 1970er Jahre war das Blaudruckhandwerk im Burgenland gängig, doch die Konkurrenz durch billige Massenprodukte setzte ihm ein Ende. Eine Blaudruckfabrik nach der anderen musste schließen. Joseph Koó: „Meine Eltern gingen mit ihren Produkten von Markt zu Markt. Zu dieser Zeit gab es kaum Einkaufszentren und die Leute mussten für ihre Einkäufe auf den Markt gehen, so dass sie es eine Zeit lang durchhalten konnten.“

Obwohl Joseph als Kind gerne in der Werkstatt aushalf, entschied er sich für eine Ausbildung in Grafikdesign und gründete sein eigenes Designbüro in Wien. „Ich kam nie auf die Idee, dass ich das Blaudruckgeschäft übernehmen würde, weil ich darin keine Zukunft sah. Erst als ich irgendwann merkte, dass die Handwerkskunst immer mehr geschätzt wurde, beschloss ich, die Familientradition fortzusetzen.“

Miriam beim Auswaschen © Robert Kalb

Er tut das nun zusammen mit seiner Frau Miriam. Die Werkstatt selbst sieht nicht viel anders aus als 1921, als sie von seinem Großvater gebaut wurde. Er hat über zweihundert verschiedene Musterstempel – von seinem (Groß-)Vater auf Flohmärkten gekauft oder gesammelt. Einige von ihnen sind bereits zweihundert Jahre alt. Er besitzt auch eine fast einhundert Jahre alte Walze, mit der er große Stoffstücke bedrucken kann. „Mit Stempeln sind zwanzig Meter Stoff schon eine ziemliche Leistung; mit der Walze können wir fünfzig bis hundert Meter Stoff auf einmal färben.“

Stempel © Frits Roest

Das Prinzip funktioniert genauso wie mit den Stempeln. Jede Rolle ist voll von Messingstiften, die zusammen ein Muster bilden. Der Harzbrei wird über dieses Muster geschmiert und auf den Stoff gepresst, während es wie bei einer altmodischen Wäschepresse zwischen zwei Zylinder durch gedreht wird. Wenn das Harz nach sechs bis acht Wochen getrocknet ist, wird der Stoff gefärbt und dann in warmem Wasser gewaschen. Wieder ist ein blaues Wunder geschehen.

Doppelter Druck

Miriam & Joseph Koó vor der Färberei © Frits Roest

Koó färbt über dreitausend Meter Stoff pro Jahr und ist auf Doppeldruck spezialisiert: Stoffe mit unterschiedlichen Mustern auf Vorder- und Rückseite. Da die Blaudruckerei eine fast hundertjährige Tradition pflegt, wurde Koó im Jahr 2010 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Joseph Koó will das Handwerk aber nicht nur erhalten, sondern auch lebendig machen. Deshalb suchen er und seine Frau bewusst die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern und Designern. Für das österreichisch-japanische Designlabel Rosa Mosa zum Beispiel fertigten sie ein modisches Blaudruckmuster auf Lederschuhen an. In dem Laden neben ihrer Werkstatt haben sie auch ihre eigenen Entwürfe: von Geschirrtüchern, Schürzen und Topflappen bis hin zu Kleidern, T-Shirts und sogar Hüten. Früher haben wir Stoff meterweise verkauft. Als Kunden uns immer öfter fragten, was sie aus den Stoffen machen könnten, haben wir mit den Fertigprodukten angefangen, um ihnen Anregungen zu geben. Kürzlich haben wir sogar ein Weinetikett entworfen: für einen Blaufränkisch-Wein, natürlich”.

Die Stoffe und Designs von Koó sind im Laden neben ihrer Werkstatt erhältlich. Nach Voranmeldung können Sie auch eine Firmenbesichtigung bekommen.

Neugasse 14, Steinberg-Dörfl, originalblaudruck.at

Über die Niederlande nach Österreich

Ab dem 17. Jahrhundert wurde der Farbstoff Indigo – gewonnen aus einer tropischen Pflanze – von Handelsunternehmen wie die niederländische VOC aus Übersee nach Europa gebracht. Die erste Blaudruckerei entstand 1600 in Amsterdam. Wandergesellen verbreiteten die Technik in ganz Mitteleuropa, bis die Industrialisierung und die Erfindung des synthetischen Indigos den Untergang  der meisten Unternehmen einläutete. Heute gibt es noch eine Handvoll traditioneller Blaudruckereien in Deutschland, Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei und also in Österreich. Neben Koó gibt es in Oberösterreich noch eine Blaudruckerei (Blaudruck Wagner). blaudruck.at

Blaudruckerei Koó, Joseph & Miriam© FREN Media
© Stekovics