Nimm’s Radl Murtal

Radfahren in einem Spinnennetz

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Der Radwegenetz Nimm’s Radl zieht sich wie ein Spinnennetz durch das Murtal in der Steiermark. Dank der Knotenpunkte kann man sich ganz leicht eine individuelle Route zusammenstellen. Die Inspiration zum Knotenpunktsystem haben die Murtaler in den Niederlanden gefunden.

Leihräder vom Projekt Spielberg

Geschwindigkeit und Entschleunigung liegen im Murtal nah bei einander. Am Red Bull Ring Spielberg rasen die Boliden über die Rennstrecke, aber um die Rennstrecke herum, im breiten Murtal, kommt man mit weit weniger Pferdestärke und Adrenalin aus. Ein 250 Kilometer langes Radwegenetz zieht sich wie ein Spinnennetz durch die Region und verbindet historische Städtchen, sanfte Wiesen und grüne Wälder vor dem Dekor des Hausbergs Zirbitzkogel.

Bernd Pfandl vor Radknotenkarte

Nimm’s Radl, Zeig’s Wadl wurde zum Motto des Netzwerks gewählt. Mitinitiator Bernd Pfandl vom regionalen Tourismusverband: ‚Wir haben uns in den Niederlanden angeschaut wie Radknotenpunkte funktionieren. Ich finde das Ideal: Man folgt keiner vorher festgelegten Route, sondern stellt sich nach Bedarf eine individuelle Route zusammen. Abhängig von der Kondition oder vom Wetter kann das länger oder kürzer sein. Es ist sehr flexibel. Wenn ich nach einem üppigen Mittagessen mit Schnitzel und Bier keine Lust mehr zum Radeln haben, nehme ich einfach eine andere, kürzere Route zurück.‘

Dornröschenschlaf

Projekt Spielberg Design

Nach zwei Jahren Vorbereitung startete das Projekt Nimm’s Radl im Jahre 2016 mit 110 Knotenpunkten, 560 Wegschildern und 23 Übersichtstafeln. Dank der fröhlich gestalteten Schilder wird man sich auf den fahrradfreundlichen Straßen nicht schnell verfahren. Weil wir die Region aber noch nicht kennen, nehmen wir gerne die Vorschläge für mögliche Routen auf der Webseite von Nimm’s Radl: an: Sie führen an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region vorbei. So beginnt und endet die „Projekt Spielberg Runde’ beim Red Bull Ring Spielberg.

Die Rennstrecke aus dem Jahre 1969 (damals noch Österreichring) war schon seit Jahren in einem Dornröschenschlaf und wurde im Jahre 2003 zum Teil geschlossen und abgebrochen. Dietrich Mateschitz, der steinreiche Eigentümer des Marketingkonzerns (und Energiegetränks) Red Bull, kaufte aber die Liegenschaft und eröffnete dort im Jahre 2011 den Red Bull Ring Spielberg. Die Rennstrecke verbirgt sich jetzt geschickt in einer Senke in der Landschaft und ist umgeben von Wäldern und Bergen. Sogar wenn man kein Fan der Formel I ist, lohnt sich ein Besuch. Bei einer Führung werden die Hotspots, wie der Kontrollraum, die VIP-Lounges, das Medienzentrum, die Erste-Hilfe-Station und das Siegerpodest gezeigt, wo bereits viele Berühmtheiten wie Michael und Ralf Schumacher, Nico Rosberg und Sebastian Vettel gestanden sind. In der Eingangshalle gibt es eine Dauerausstellung mit historischen und neuen Rennwagen (teils gerade zurück von einem Rennen).

Stift Seckau

Stift Seckau

Ab der modernen Rennstrecke bringen uns Radwege problemlos zur Benediktinerabtei Seckau und dem Dorf Weißkirchen, wo wir bei Edelsteine Kramp das Museum mit Mineralien und Kristallen aus aller Welt besuchen. Die beeindruckende Sammlung wurde von Reinhard Krampl, dem mittlerweile verstorbenen Gründer der Firma, zusammengetragen. Solche ‚Points of interest‘ gibt es überall im Nimm’s Radl Wegenetz.


Wipfelwanderweg

Für Kinder interessant ist zum Beispiel ein Ausflug zum Wipfelwanderweg in Rachau, wo man – ohne Rad – einen abenteuerlichen Spaziergang durch die Baumwipfel machen kann. Über 2,7 Kilometer erstreckt sich das hölzerne Gerüst, mit Treppen und Aussichtstürmen, auf durchschnittlich 20 Meter über der Erde zwischen den Baumwipfeln.

Mittelalterliches Judenburg

Wer mehr Kultur wünscht, kann zum mittelalterlichen Städtchen Judenburg radeln.  Auf dem 75,66 Meter hohen Stadtturm (der höchste, freistehende Stadtturm in Österreich) hat man einen wunderbaren Rundumblick auf das Zentrum mit mediterranem Flair und das Murtal. Hinauf kann man über eine Stiege oder mit einem Aufzug, der durch den Glockenturm in das Planetarium im Dachstuhl des Turms führt. Hier werden regelmäßig Filme über die Entstehung des Kosmos gezeigt.

Aussicht vom Turm in Judenburg

Woher Judenburg seinen Namen bekam, ist unklar. „Mercatum Judinburch“ wurde das erste Mal im Jahre 1074 urkundlich erwähnt. Der Name könnte auf die vielen jüdischen Kaufleute verweisen, die von dieser Handelsstation zwischen Wien und Venedig aus, ihr Geschäft betrieben. Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Stadt nach der ehemaligen Burg am Stadtrand – jetzt eine Ruine – benannt wurde, wo einst eine Gräfin Judin zu Eppenstein wohnte.

Zirbenland

Judenburg ist einer der größeren Orte im sogenannten Zirbenland, eine touristische Enklave im Südosten des Murtals. Bis in die sechziger Jahre lebten die Menschen im Zirbenland hauptsächlich von Landwirtschaft,  Bergbau und Stahlindustrie. Für Touristen war es höchstens ein  Zwischenstopp auf der Durchreise nach Slowenien oder Kroatien. Um ihnen das Verweilen schmackhaft zu machen, ist in den letzten 20 Jahren viel in die Verschönerung der Landschaft investiert. Von der industriellen Vergangenheit zeugen jetzt immer weniger Spuren, wie das Bergbaumuseum Fohnsdorf. Es ist eine grüne, sanft hügelige Landschaft, wo es auf den verkehrsarmen Wegen angenehm Radeln ist.

Dietrich Mateschitz © GPToday

Die Wiedereröffnung der Rennstrecke hat dem Tourismus in der Region einen großen Impuls gegeben und nicht nur, weil die Rennen und Events an sich schon viele Besucher anlocken. Red Bull Chef Mateschitz liess unter dem Titel „Projekt Spielberg“ mehrere monumentale Gebäude – wie ein Schloss, ein Barockhaus und eine Jugendstilvilla – liebevoll und unter Denkmalschutz mit Erhalt authentischer Details renovieren. Diese werden jetzt als Hotels und/oder Restaurants betrieben und sind angenehme Rastplätze während einer Radtour. So haben wir beim Hofwirt, gegenüber der Abtei Seckau unser Mittagsessen genossen im historischen Ambiente der gemütlichen Klosterstube aus dem Jahre 1603.

Zirben

Bernd Pfandl

Bernd Pfandl, die treibende Kraft hinter dem Projekt Nimm’s Radl und Eigentümer der 50plus-Camping in Fisching, wirbt unermüdlich für die Region. Enthusiastisch nimmt er uns mit auf eine Radrunde entlang regionale Erzeuger, die alles möglich Gute und Leckere aus der Zirbe machen, eine Gebirgstannenart die hier viel vorkommt. ‚Wenn man irgendwo auf Urlaub ist, will man Sachen kosten und probieren die typisch für die Region sind‘, erklärt Pfandl: ‚Es ist selbstverständlich, dass wir im Zirbenland die Zirbe als „Hausmarke“ umarmen.‘ Und so probieren wir mit Leckermaul Pfandl Sirupe, Schnäpse, Gelees und sogar Bonbons aus Zirbe. Wir bewundern auch Kugelschreiber und Messer aus Zirbe, probieren Kissen gefühlt mit Zirbenspänen und Taschen, Shawls und Dirndln mit Zirbenmuster. Das Zirbenland hat sogar eine Zirbenkönigin!

Zirbenäpfel

Kein Wunder, dass viele Touristen denken, dass der Hausberg Zirbitzkogel nach der Zirbe benannt wurde. Das ist aber nicht der Fall. Zirbitz stammt vom slowenischen zirbiza und bedeutet so viel wie „rote Alm“ – ein Hinweis auf die Farbe der Alpenrosen, die im Sommer die Berge rot färben. Die Verwirrung gefällt Pfandl aber: wenn es nur beiträgt zur Bekanntheit „seines“ Zirbenlandes.

Tipps & Adressen

Allgemeines

Das Zirbenland im Murtal erreicht man ab München über die A8 Richtung Salzburg, die A1 Richtung Wien und A9 Richtung Graz, ab Passau über die A3 Richtung Linz und A9 Richtung Graz, Abfahrt St. Michael in der Oststeiermark. Nächster Flughafen ist Graz. Zugauskünfte gibt es auf oebb.at oder bahn.de

Information über das Radknotennetzwerk Nimm’s Radl, Fahrradverleih, Routevorschläge und -beschreibungen, Ladepunkte für E-Bikes, Sehenswürdigkeiten, Unterkünfte, Restaurants und Veranstaltungen: nimmsradl-murtal.info; murtal.at; zirbenland.at

Für Veranstaltungen auf und rund um den Red Bull Ring Spielberg:  project-spielberg.com

Nächtigen

50plus Campingpark und Appartements

Kinder, Jugendliche und sogar Hunde sind nicht willkommen auf dem Campingplatz von Familie Pfandl. Sie richten sich spezifisch auf 50plus Kunden und bieten geräumige Stellplätze (100-130 m2), einen biologischen Schwimmteich, einen Kräutergarten, das Restaurant „Plaschothek“ und sogar das lokale Verkehrsamt. Sie vermieten auch Campingbungalows und große, modern eingerichtete Appartements, in einem Haus neben dem Eingang zum Campingplatz. Geöffnet von Mitte April bis Mitte Oktober, Fisching 9 in Weißkirchen, camping50plus.atzirbenland.st

Camping Murinsel

Gut gepflegter, schattenreicher Camingplatz für Ruhesuchende. Ein Teil der Stellplätze liegt am eigenen Teich mit Trinkwasserqualität. Mit Restaurant „Murstüberl“, zwei Tennisplätzen,  Hundewiese und -teich. Geöffnet ab einer Woche nach Ostern bis Mitte Oktober, Teichweg 1 in Großlobming, camping-murinsel.at

Essen & Trinken

Konditorei Regner

Michael Regner – vierte Generation – tüftelte so lange am Familienrezept für Seckauer Lebkuchen bis es perfekt war. Spezialität des Hauses sind die Zirben-Trüffel, Chocoladetrüffeln gefüllt mit Zirbenschnaps. Das Backen sitzt dieser Familie im Blut: Sohn Gregor Regner wurde 2009 in Kanada zum Konditorweltmeister gekürt. Seckau 39 in Seckau, regner.at

G’Schlössl

Ehemaliges Schloss in einem großen Park nahe dem Red Bull Ring. Man kann wählen zwischen dem als traditionelle Stube eingerichteten Restaurant und dem hellen, modernen Wintergarten mit Terrasse. Auf der Speisekarte gibt es regionale und internationale Gerichte der Saison. Murhof 1 in Großlobming, gschloessl-murtal.at

Hofwirt

Restaurant in einem Gebäude aus dem 13ten Jahrhundert, mit rustikalen Stuben und – im Sommer – einer angenehmen Terrasse. Direkt gegenüber der Abtei Seckau, dem früheren Eigentümer.  Bitte auf die wunderbare Stuckdecke und Holzstiege im Treppenhaus achten. Klassisch österreichische und steirische Gerichte. Seckau 3 in Seckau, hotel-hofwirt.at

Steirerschlössl

Viel gerühmtes Feinschmeckerrestaurant in einer wunderschönen Jugendstilvilla, wo modern, kreativ und innovativ gekocht wird. Hauptstraße 100 in Zeltweg, hotel-steirerschloessl.at

Veranstaltungen & Aktivitäten

Red Bull Ring

Erlebnispark für die ganze Familie, mit klassischen und neuen Rennwagen und -motorrädern in der Eingangshalle, Bar-Restaurant Bull’s Lane und Souvenirshop. Es gibt auch Unterhaltung außerhalb der Rennen, wie eine Kartbahn oder die Möglichkeit mit dem eigenen Auto oder Motorrad über die Rennstrecke zu fahren. Im Winter kann man Langlaufen auf der Strecke oder Eislaufen auf der Dachterrasse.  Red Bull Ring Straße 1 in Spielberg, projekt-spielberg.com

Wipfelwanderweg

In luftiger Höhe zwischen den Baumwipfeln spazieren, mit Aussicht auf Berge, Wälder und Almen. Dieser höchstgelegene Wanderpfad Europas ist eine Konstruktion aus Lerchenholz mit Treppen, Türmen, Plattformen und sogar einer Rutsche. Für Speisen und Getränke gibt es beim Eingang Restaurant „Fuchs und Henne“. Geöffnet ab Anfang April bis Ende Oktober. Mitterbach 25 in Rachau, wipfelwanderweg.at

Abtei Seckau

In der Benediktinerabtei gibt es Führungen zur Geschichte, Klosterleben und religiöse Kunst, sowie eine Dauerausstellung „Welt der Mönche“. Ein Besuch – inklusive Verkostung – der eigenen Schnapsbrennerei ist nach Absprache auch möglich. Führungen und Besuch der Ausstellung: 1 Mai – 30 Oktober, Seckau 1 in Seckau, abtei-seckau.at

Puchmuseum

Das Museum ist (den Menschen hinter) der Marke Puch gewidmet, mit einer großen Sammlung nostalgischer Räder, Motoräder und Autos, fast alle Leihgaben von Puch-Liebhabern. Murtaler Platz 1 in Judenburg, puchmuseum.at

Bergbaumuseum Fohnsdorf

Einst das tiefste Braunkohenbergwerk der Welt, jetzt ein Museum, das sich der schweren und gefährlichen Arbeit der Bergbauleute widmet. Ehemalige Kumpel führen durch das Museum und den 160 Meter langen Schaustollen. Haldengasse 10, Fohnsdorfbergbaumuseum-fohnsdorf.at

Einkaufen

Frewein

Die Gärtnerei von Dagmar und Gerhard Frewein ist spezialisiert auf (Produkte der) Zirbe. Sie erzeugen Zirbenschnaps (der Brennkessel steht im Geschäft),  Sirupe, Essige, Salze, Gelees, Kissen, Holzkugeln und mehr. Hier ist alles Zirbe. Eligiusweg 3 in Weißkirchen, zirbenshop.at

Edelsteine Krampl

Ausflug in die Welt der Edelsteine. Man kann eine Führung buchen durch die Schleiferei, das Museum mit Mineralien und Kristallen aus aller Welt und Edelschmieden bei der Arbeit zusehen. Das Geschäft hat eine große Auswahl an hausgemachtem Schmuck, Schalen und Vasen aus Stein oder Edelmetall. Bahnhofstraße 7 in Weißkirchen, edelsteine-krampl.com

Stoffe Wimmer

Das Geschäft im Herzen Judenburgs verkauft Stoffe seit 1948, aber der heutige Eigentümer Hans-Peter Wimmer entwarf vor einigen Jahren einen patentierten Zirbenstoff: Waldgrün mit einem Muster aus Zirbenäpfeln. Aus dem Stoff macht er Krawatten, Taschen, Bettzeug, Boxershorts, Schürzen, Dirndl und mehr.  Hauptplatz 7 in Judenburg, zirbenland.at

Harry’s Kunsthandwerk

Harald Pfeiffenberger macht in seiner kleinen Werkstatt Schalen, Schmuck, Messer und elegante Füllfedern und Kugelschreiber aus dem Holz der Zirbe. Jedes Stück ist handgemacht, einmalig und elegant. Stubalpenstraße 5 in Weißkirchen, meinzirpen.at