Passionsspiele Erl

Die Passion eines Dorfes

Text: Emely Nobis, Bilder: Passionsspiele Erl

Alle sechs Jahre finden in der Tiroler Stadt Erl die Passionsspiele statt, mit mehr als ein Drittel der 1.500 Einwohner des Dorfes auf der Bühne. Was macht diese Passionsspiele einen Besuch wert?

Die Haare werden länger. Männer rasieren ihre Bärte nicht mehr. Die Vorbereitungen für die Passionsspiele in Erl beginnen immer Monate im Voraus. Etwa fünf- bis sechshundert Einwohner nehmen an den Wochenenden von Ende Mai bis Anfang Oktober an mehr als dreißig Vorstellungen teil. Das bedeutet: vier Monate lang keine Wochenenden, keine Feiertage und wöchentliche Proben bereits ab November des Vorjahres. Die Akteure der Hauptrollen proben noch öfter, insgesamt etwa 120 Mal… wie kommt es, dass ein Dorf so verrückt ist?

Markus Plattner © VanMey Photography

Passionsspiele sind als Volkstheater über das Leiden Jesu Christi vor und während der Kreuzigung entstanden. Die in Erl werden seit 1613 aufgeführt, sind die ältesten im deutschsprachigen Raum und zugleich eines der innovativsten. Nicht umsonst zog die Jubiläumsausgabe im Jahr 2013 über 60.000 Besucher nach Erl. Die neue Inszenierung im Jahr 2019 war ebenfalls ein Erfolg. Einer der Gründe dafür war der Mut der Erler, den in Österreich für seine oft kontroversen und provokanten Texte bekannten Volksautor Felix Mitterer dazu zu bewegen, einen neuen Text und ein neues Szenario zu schreiben. „Er legte eine starke Betonung auf die Menschlichkeit Jesu“, sagt Regisseur Markus Plattner. „Die zentrale Botschaft war eine Botschaft der Liebe, des Mitgefühls und des Gemeinschaftsgeistes.“

Felix Mitterer

Mitterer hielt es auch für wichtig, Frauen stärker in die Geschichte einzubeziehen. Während des Letzten Abendmahls wollte er, dass Maria Magdalena zusammen mit Jesus und den Aposteln an einem quadratischen Tisch sitzt. Für den Bischof von Salzburg – an den der Text heimlich geschickt worden war – ging dies viel zu weit. Mitterer weigerte sich, seiner Bitte nachzukommen und nach Salzburg zu kommen um darüber zu sprechen, lud den Bischof aber nach Erl ein. Plattner: „Er kam in der Tat und hatte viele Passagen in seinem Textbuch markiert, die ihm nicht gefielen, einschließlich des quadratischen Tisches mit Maria Magdalena als dreizehntem Apostel. Irgendwann während der Diskussion schlug ich vor, daraus einen runden Tisch mit Platz für alle zu machen: Jesus, die Apostel, Maria Magdalena, andere Frauen, Homosexuelle, Kinder… Dann war es plötzlich gut.“

Er hatte die Idee zu diesem runden Tisch, an dem alle sechshundert Spieler und sogar das Publikum Platz haben, während eines Spaziergangs mit seinem Hund. „Ich war mitten in einem Denkprozess über die Szene des Abendmahls und fragte mich: Wofür steht sie eigentlich, abgesehen vom gemeinsamen Essen? Was kann es in unserer Zeit bedeuten? An einem See warf ich einen Stein ins Wasser, und diese Kreise entstanden. Dann kam mir das Bild von Jesus als Mittelpunkt in den Sinn, umgeben von Kreisen von Menschen, die an seiner und der Liebe der anderen teilhaben. Auf diese Weise wird die Geschichte weniger katholisch und mehr urchristlich oder menschlich; daher ist sie auch für junge Menschen und für ein nicht religiöses Publikum interessant“.

UNESCO-Weltkulturerbe

Die moderne Textinterpretation, die symbolträchtige Inszenierung, eigens für diese Passion komponierte Musik, ein echter Chor und Orchester sowie multimediale (Licht-)Effekte … tragen dazu bei, dass die Passionsspiele Erl seit 2013 in die UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Ein wichtiges Kriterium dafür ist, dass es sich um eine lebendige, in der Bevölkerung verankerte Tradition handeln muss. Plattner: „Die Passionsgeschichte selbst ist bekannt: Einzug in Jerusalem, Hosanna, Henkersmahlzeit, Gefangenschaft, Verurteilung, Kreuzigung, Tod und Auferstehung. Überall auf der Welt gibt es Passionsspiele, und normalerweise sind sie recht konservativ. In Erl haben sie immer verstanden, dass eine Tradition ihr Ziel verpasst, wenn sie in Beton gegossen wird. Man kann das Feuer nur am Brennen halten, indem man nicht starr ist und Traditionen durch kleine und größere Veränderungen für alle verständlich, akzeptabel und erträglich macht. Jedem muss die Möglichkeit gegeben werden, sich als Teilnehmer oder Zuschauer beteiligt zu fühlen“.

Mit der Zeit gehen

Claudia Dresch als Veronika

„Die Erler haben es immer verstanden, mit der Zeit zu gehen“, betont Claudia Dresch, die für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Bereits 1979 hörten sie beispielsweise auf, Lieder aus dem Gottesdienst zu singen und ließen fortan ihre eigene (regelmäßig wechselnde) Passionsmusik schreiben. Das Passionsspielhaus, in dem alle Aufführungen stattfinden, ist auch ein Symbol für Erls Willen, die Tradition am Leben zu erhalten. Dresch: „1959 hatten die Spiele schon lange nicht mehr stattgefunden und alles schlief eigentlich ein bisschen. Gerade da haben einige Erlers beschlossen, ein neues Spielhaus mit Platz für 1500 Personen zu bauen. Das Problem war aber, dass es kein Geld gab. Am Ende zahlten der österreichische Staat und das Land Tirol je ein Drittel. Der Rest war ein Darlehen, das von den Einwohnern persönlich garantiert wurde.“
Noch heute wirkt der 36 Meter hohe weiße Bau des Architekten Robert Schuler – in eine Wiese gestellt – überraschend zeitgemäß, die Säle sind während der Spielzeit meist gut gefüllt und in den Jahren wo keine Passionsspiele stattfinden, dient er als zusätzliche (Opern-)Bühne für die Tiroler Festspiele Erl, die seit 1998 jährlich in Erl stattfinden. Dresch: „Die Festspiele sind zu uns gekommen, weil die Akustik in unserem Saal sehr gut ist. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass sie in unserem Haus spielen dürfen und im Austausch das Haus unterhalten. Sie haben alle Holzteile im Saal reparieren oder ersetzen lassen, die Klempnerei und Technik sind auf dem neuesten Stand der Technik und wir können ‚ihre‘ Übertitel für Szenenerklärungen in Deutsch und Englisch verwenden. Wir als Verein hätten das alles niemals selbst bezahlen können“.

Vierzehnköpfiger Ausschuss

Peter Esterl als Kaiphas

Claudia Dresch, die aus dem Zillertal kommt, ist mit einem Erler verheiratet und spielt seit 1985 in der Passion. Sie zeigt uns die Umkleidekabinen, von denen aus jeder nach einer letzten Kleidungskontrolle (Ohrringe, Brille und Uhren abgenommen?) auf die Bühne geht, die spezielle Tür, durch die der Esel die Bühne betritt, das achtzig Kilo schwere Holzkreuz, das Jesus trägt, und die Röhre, in die die Steine gegossen werden, um den Donner beim Tod Jesu zu imitieren. „Wir haben es einmal mit einer Tonbandaufnahme versucht, aber es hat nicht so viel Atmosphäre gegeben.“

Dresch ist, wie ein großer Teil der erwachsenen Einwohner von Erl, Mitglied der Passionsspielvereinigung, die das Spektakel organisiert. Die tägliche Leitung liegt in den Händen eines (derzeit vierzehnköpfigen) Ausschusses, in dem Bürgermeister und Pfarrer kraft ihres Amtes sitz haben und der aus seiner Mitte ein Projektleiter und Vorsitzender wählt. Projektleiter Peter Esterl – im Alltag Grundschullehrer – war 1979 als fünfjähriger Junge zum ersten Mal und seitdem jedes Mal dabei. So ist es, wenn man in einer Familie aufwächst, die seit Generationen mitspielt. Es ist eine Art von Gen, die in einen steckt.

Eine seiner wichtigsten Aufgaben ist die Rekrutierung von Spielern. „Im Juni des Jahres, das einer neuen Passion vorausgeht, besuchen wir jeden im Dorf, um herauszufinden, wer daran teilnehmen möchte. Sobald das klar ist, mache ich eine vorläufige Rollenverteilung und wir entscheiden im künstlerischen Komitee, wer welche Rolle spielen wird. Dann muss ich den Menschen die gute oder die schlechte Nachricht mitteilen. Das ist manchmal heikel. Es gibt für jeden eine Rolle, aber nicht immer die Rolle, die jemandem am liebsten wäre. Enttäuschung ist daher vorprogrammiert. Dadurch kann ich manchmal schlecht einschlafen und es kommt auch vor, dass die eine oder andere Person eine Zeitlang nicht mit mir sprechen will”.

Dennoch gelingt es uns immer wieder, genügend Spieler zu finden. Darüber hinaus werden Musiker, Chorsänger, Techniker und Bühnenbildner benötigt: allesamt Freiwillige aus Erl selbst oder ehemalige Bewohner, die noch in der Umgebung wohnen. Auch für Neuankömmlinge steht die Tür offen. Es ist toll, wenn die sich nach einer Erklärung und etwas Überzeugungsarbeit anmelden und dann mit Begeisterung mitmachen. Es ist der beste Weg im Dorf Fuß zu fassen.“

Keine aufgeklebten Bärte

Johann Dresch als Nathan

„Wir haben das Glück, dass ein großer Teil der Jugend gerne dabei ist“, fügt Obmann Johann Dresch hinzu. Jeder berücksichtigt sie. Der Fußballverein plant wichtige Spiele so, dass sie sich nicht mit der Passion überschneiden. Wir selbst sorgen dafür, dass ältere Menschen mit der Zeit Platz machen für jüngere Menschen in den größeren Rollen. In einer bestimmten Rolle stecken zu bleiben, ist unangebrachter Stolz. Hier zählt der olympische Gedanke: Die Teilnahme ist alles. Ich finde es jedes Mal unglaublich zu sehen, wie die Passion Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und aus allen Altersgruppen zusammenführt. Junge Leute gehen mit älteren Menschen in die Kneipe. Apostel, Marias oder römische Soldaten, die nicht privat befreundet sind, treffen sich an den Wochenenden und organisieren sogar gemeinsame Ausflüge”.

Dresch selbst (eigentlich Claudias Ehemann) ist seit fünfzig Jahren in verschiedenen Rollen dabei. Er erinnert sich, wie er 1996 eine neue Stelle bei einer Versicherungsgesellschaft bekam. Weil es 1997 wieder Passionsspiele gab, begann ich mir bald Haare und Bart wachsen zu lassen. In der Firma war das am Anfang nicht gern gesehen, aber bei den Kunden erwies es sich als ein ausgezeichneter Weg sich vorzustellen. Als ich ihnen sagte, warum ich so aussah, hatte ich sofort ein nettes Gespräch. Die wenigen Männer, die es wegen ihrer Arbeit nicht machen können, können wir eine Rolle als römischer Legionär geben. Jedenfalls verwenden wir keine Perücken und Klebebärte.

Judas als politischer Fanatiker

Pfarrer Thomas Schwarzenberger als Pharisäer

Als Plattner gebeten wurde, im Jahr 2013 (als einzige bezahlte Kraft) Regisseur zu werden, ging der Verein bewusst ein Risiko ein. Angesichts seines Rufs war es klar, dass es kein braves religiöses Spiel werden würde. Pastor Thomas Schwarzenberger sieht darin kein Problem: „Die Passionsspiele haben für jeden eine persönliche Bedeutung. Das kann Treue zum Glauben sein, aber es kann auch der Drang nach religiöser Erneuerung oder einfach nur Spaß am Spiel sein. Nicht nur Gläubige sind beteiligt; wir sind offen für alle. Für mich ist es wichtig, dass die Menschen gerne dort sind und dass es sie verbindet“.

Nichtsdestotrotz erhitzten sich 2013 die Gemüter einiger Einwohner, dass sie zum ersten Mal seit langem nicht mehr mitspielen wollten. Einige waren mit der relativ großen Rolle der Frauen nicht einverstanden. Andere waren mit der Art und Weise, wie Judas dargestellt wurde, nicht einverstanden: als politischer Fanatiker, der in Jesus einen Führer in der Revolte gegen die Römer sieht und davon enttäuscht wird”.

„Bei jeder neuen Produktion gibt es Meinungsverschiedenheiten“, relativiert Johann Dresch. Wir sind wirklich nicht das heilige Dorf Erl, wie wir manchmal genannt werden. Die Tatsache, dass der Text 2013 anonym an den Erzbischof geschickt wurde, obwohl jeder weiß, wer es war, ist natürlich problematisch. Dass der Erzbischof trotz seiner anfänglichen Einwände zur Premiere kam und dass es ihm gefallen hat, sagt mir, dass es wirklich nicht gegen die Theologie geht. Als vierköpfiger Ausschuss ist es unsere Aufgabe, mit allen zu diskutieren und schließlich eine Entscheidung zu treffen, in der Hoffnung, dass die Mehrheit zustimmen wird. Wer damit nicht leben kann, spielt einfach nicht mit. Nächstes Mal fragen wir wieder nach und einige haben vielleicht ihre Meinung geändert. Dann werden sie wieder herzlich willkommen geheißen”.

Im Nachhinein hat sich das Risiko auch gelohnt. Das öffentliche Interesse war so groß, dass sogar zusätzliche Aufführungen eingeplant werden mussten und 2019 gab es eine Reprise, wieder mit Plattner als Regisseur.

Wenn in einem Aufführungsjahr der Vorhang nach vier Monaten nach der letzten Aufführung fällt, geht für Erl ein intensives Jahr zu Ende. „Dann sind alle froh, dass es vorbei ist, und gleichzeitig nostalgisch“, stellt Peter Esterl fest: „Sie werden vorerst viele der Menschen nicht mehr sehen, zu denen Sie eine Bindung aufgebaut haben. Gerade für ältere Menschen ist ein solcher letzter Spieltag auch mit Schmerzen verbunden. Wenn man mit 80 oder 90 auf der Bühne steht, fragt man sich, ob man beim nächsten Mal wieder dabei sein wird.“

Während der ausgelassenen Abschlussparty stehen Friseure bereit, Haare zu schneiden und Bärte zu rasieren. Schwarzenberger: „Dann sieht jeder wieder zehn Jahre jünger aus.“

Tipps & Adressen

Das nächste Passionsspiel findet im Jahr 2025 statt. Informationen & Kartenverkauf: passionsspiele.at

Erl liegt 15 Kilometer nördlich von Kufstein an der österreichisch-bayerischen Grenze. Die Passionsspiele sind eine Matinee und können daher leicht als Tagesausflug von Kufstein oder z.B. Innsbruck oder München (1 Stunde Fahrt) aus unternommen werden.

Kalvarienberg

Geistige Erfrischung vor oder nach der Aufführung? Das ist bei einem Spaziergang über den Kalvarienberg in Erl möglich. In Zusammenarbeit mit dem Künstler Anton Christian aus Natters ist ein schlangenförmiger Kreuzweg mit modernen Malereien entstanden, der an drei großen Kreuzen auf einem Hügel endet, von wo aus man einen herrlichen Panoramablick auf das Passions- und Festspielhaus in Erl, das Inntal und die umliegende Bergwelt hat.

Blaue Quelle

Ein “Kraftplatz” in Erl ist der kleine, baumbestandene See der Blauen Quelle am Fuße des Wilden Kaisers, der sich unter dem Einfluss der Sonnenstrahlen blau, grün und türkis verfärbt. Zwei Bänke und ein Holzliegestuhl laden hier zum Entspannen ein. Aus einer unterirdischen Quelle, deren Ursprung unentdeckt ist, fließen durchschnittlich 700 Liter Trinkwasser pro Sekunde. Sie erreichen den See vom Parkplatz des Restaurants “Blaue Quelle” aus, wo Pilger seit Jahrhunderten bei einem Besuch der Passionsspiele von Erl zu Mittag essen. Hier können Sie ausgezeichnete frisch gefangene Forellen essen: blauequelle.at