Prangstangen

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Jedes Jahr am 24. Juni feiert die Gemeinde Zederhaus im Lungau den Namenstag ihres Schutzheiligen Johannes des Täufers. Höhepunkt ist die Prozession mit Prangstangen: meterhohen Holzstangen, umwickelt mit Girlanden aus Wiesen- und Alpenblumen. Die jahrhundertealte Tradition hat einen tief religiösen Hintergrund.

In Zederhaus, einem Dorf mit rund 1250 Einwohnern im Lungau (Salzburgerland), liegt jedes Jahr um die Sommersonnenwende Aufregung in der Luft. Ab dem 21. Juni werden die Menschen durch die Bergweiden und Wiesen dieser Naturparkstadt ziehen, um Blumen zu pflücken: Enziane, Gänseblümchen, Pfingstrosen, Bergkräuter, Vergissmeinnicht, Mohn… Sie bringen sie zu verschiedenen Bauernhöfen und ins Museum Maurerhof (ebenfalls in einem monumentalen Bauernhaus), wo Gruppen von Mädchen und Frauen mit engelhafter Geduld Blumen zu bunten Girlanden zusammenfädeln. Diese Girlanden werden dann um lange Holzstangen gewickelt: eine Aufgabe für Männer mit Tackerpistolen, Hämmern und Nägeln. Dies sind die Vorbereitungen für den 24. Juni: den Namenstag von Johannes der Täufer. An diesem Tag tragen Junggesellen (heute auch unverheiratete) Jungen und Männer in einer feierlichen Prozession die Prangstangen durch das Dorf.

„Wir sind hier einfach schrecklich religiös.“ Das sagt Josef Baier, Kurator des Museums Maurerhof, über die Ursprünge der Tradition. Er erklärt, dass Zederhaus vor etwa achthundert Jahren von Einwanderern besiedelt wurde, die das deutsche Oberfranken und den Thüringer Wald wegen religiöser Kämpfe verließen. „Wir wurden in diesem Tal zu Bauern, die mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten waren, so dass wir, um zu überleben, unsere Hoffnung auf Gott setzen mussten. Die Natur hat nicht viel hergegeben, und jede missglückte Ernte war lebensbedrohlich. Wenn es zu viel geregnet hat oder es zu trocken war, konnten wir nur um besseres Wetter beten.“

„Eine Heuschreckenplage im Jahr 1693 zerstörte fast die gesamte Vegetation. Danach blieben nur noch Gänseblümchen auf den Feldern, weil sie wegen eines bestimmten Giftes nicht von den Heuschrecken gefressen wurden. Wir banden diese Gänseblümchen auf hölzerne Heustangen und trugen sie bei der nächsten Prozession mit, wobei wir gelobten, dies jedes Jahr zu tun, um eine weitere Katastrophe abzuwenden. Eine Heuschreckenplage hat es in der Tat nie wieder gegeben.“

Dieses Gelübde wurde in den Archiven festgehalten und die jährliche Prozession findet seither ohne Unterbrechung statt, selbst als sie 1772 von Bischof Colloredo (bei Todesstrafe) verboten wurde. „Wir wussten natürlich, dass sie sowieso nicht zu uns kommen würden, denn damals konnte man Zederhaus nicht einmal aus Richtung Salzburg erreichen“, relativiert Baier die Tapferkeit der Einheimischen. „Wir waren das vergessene Tal.“

Gesunde Rivalität

Prangen ist Dialekt für “Angeben”. Die verzierten, sechs bis acht Meter langen Stangen sind in der Tat Prunkstücke mit bis zu 60.000 Blumen pro Stange: eine Arbeit, an der jede Gruppe (zwischen elf und vierzehn pro Jahr) rund dreihundert Stunden arbeitet. Die Muster sind nicht ganz frei. Der religiöse Hintergrund spiegelt sich in einer Reihe von festen Elementen wider. Zwölf weiße Flächen (sechs auf jeder Seite einer Stange) stellen die zwölf Apostel dar. Darüber folgt eine weiße Fläche mit dem IHS-Monogramm: die ersten drei Buchstaben des Namens Jesu in griechischen Großbuchstaben mit einem Kreuz über und einem Nagel unter dem H. Ganz oben ragen drei Reihen von Seitenzweigen hervor: Symbol für die Heilige Dreifaltigkeit. Zwischen den Flächen ist die Dekoration frei und es gibt eine gesunde Rivalität zwischen den Gruppen: Wer wird dieses Jahr den schönsten und farbenfrohsten Entwurf haben?

Deutlich wird dies am 23. Juni, wenn alle Prangstangen am späten Nachmittag auf Traktoren und Anhängern in die Kaserne der Freiwilligen Feuerwehr gebracht werden. Dort werden sie nebeneinander aufgereiht, gesegnet und unter Begleitung der örtlichen Musikkapelle zur Kirche getragen. Die Entfernung beträgt nur 150 Meter, aber man sieht an den verbissenen Gesichtern der Träger, wie schwer es für sie ist. Kein Wunder: Die acht Meter langen Stangen wiegen an die achtzig Kilo. Diejenigen von sechs Metern sind leichter, werden aber auch von noch nicht ausgewachsenen Jungen getragen. In der Kirche angekommen, wird mit Hilfe vieler Hände jede Stange vorsichtig horizontal gekippt und nach innen getragen, um wieder vertikal aufgestellt zu werden – in Erwartung der heiligen Messe am nächsten Morgen.

Beten und Bier

Am Tag der Prozession selbst fahren wir früh nach Zederhaus. Doch wir können unser Auto nur noch auf einem improvisierten Parkplatz außerhalb des Dorfes parken. Auch wenn dieser 24. Juni auf einen Montag fällt, herrscht eindeutig Sonntagsstimmung. Die Grundschule ist geschlossen; die Mehrheit der Bevölkerung hat sich einen Tag frei genommen. Überall gehen Männer, Frauen und Kinder in Tracht oder Uniform auf die Kirche zu – wo die Messe um halb zehn beginnt. Außerhalb werden alle freie Plätze auf Terrassen, Bänken und Mauern von Zuschauern besetzt. Männer der Freiwilligen Feuerwehr bauen den Bierstand auf, an dem nach dem Umzug der Frühshoppen beginnt. In den letzten Tagen war es grau und nieselnd, aber jetzt scheint die Sonne hell – als wolle sie das ohnehin schon malerische Bergdorf extra schön beleuchten.

Die Messe kann auch im Freien über Lautsprecher verfolgt werden. Nachdem die Prangstangen wieder gesegnet worden sind, beginnen die Glocken zu läuten, die Kirche leert sich und die Prozession beginnt. Es entpuppt sich als eine beeindruckend lange Prozession mit Priester, Ministranten, Kindern (mit einer Mini-Prangstange in der Hand) mit Lehrern und Eltern, Musikkapelle und Vereinen wie den Himmelschützen, dem Singkreis und dem Heimatverein. Verstreut unter den Gruppen ziehen die Prangstangen vorbei. Noch gestern trugen ihre Träger schwarze Hosen mit weißen Hemden, jetzt sind sie alle in Lederhosen gekleidet. Das Tragen der schweren Stangen erweist sich als ein echter Balanceakt und hält keiner länger als hundert Meter hintereinander durch. Da die Strecke der Prozession ein Kilometer lang ist, mit darüber hinaus längeren Pausen an vier Stationen, wechseln sich pro Stange immer zwei Jungen oder Männer ab. Jedes Team wird auch von ein paar Männern begleitet, die zu Hilfe kommen, wenn ein Träger droht, das Gleichgewicht zu verlieren. Das sieht manchmal so beängstigend aus, dass Sie als Zuschauer fast erleichtert sind, wenn die Prozession gegen Mittag endet und die Prangstangen zurück in die Kirche getragen werden. In zwei Reihen angeordnet, bleiben sie dort bis zum 15. August (Mariä Himmelfahrt) stehen. Danach werden sie (nach einer weiteren Segnung) abgebaut. Die verschiedenen Gruppen verteilen dann ‚ihre‘ Blumen. Auf diese Weise hat jeder einen Vorrat, um Haus, Hof und Ställe während der sogenannten Raunächte (Räuchernächte, zwischen Mitte Winter und Neujahr) auszuräuchern oder später im Jahr auf den Almen zu verbrennen, denn dem Aberglauben nach bringt dies Glück.

Wir verlassen Zederhaus in einem Strom von anderen Zuschauern und lassen die Einheimischen weiter feiern. Die Veranstaltung ist deshalb so beeindruckend, weil es kein Theaterstück für Touristen ist, sondern  eine wirklich gelebte Tradition. Josef Baier: „Ich finde es jedes Jahr ein Wunder, wie die verschiedenen Gruppen bei den Vorbereitungen zusammenarbeiten, essen und gute Gespräche führen, und wie wir uns danach gemeinsam freuen, weil das Wetter gut war. Wir brauchen einander, um etwas Schönes zu schaffen, so wie Sie andere Ihr ganzes Leben lang brauchen. Diese Symbolik macht die Tradition für mich auch in unserer Zeit sehr wertvoll und bewegend.“

In den Tagen vor der Prozession können die Besucher des Denkmalhof Maurergut bei der Herstellung der Girlanden und dem Wickeln der Prangstangen zuschauen.

Vom 25. Juni bis 14. August können die Prangstangen in der Pfarrkirche von Zederhaus im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Prangstangen anderswo

Prangstangen werden in mehreren Gemeinden des Salzburgerlandes und an einem Ort in Niederösterreich (Rohr am Gebirge) in Prozessionen mitgetragen. Im Lungau findet dies nicht nur in Zederhaus, sondern auch in Muhr (am 29. Juni, dem Hochfest von Peter und Paul) statt. In beiden Dörfern hat die Tradition den gleichen Ursprung.

Die Tradition kommt auch in der Region St. Johann im Pongau (Bischofshofen, Hüttau, Mühlbach am Hochkönig, Pfarrwerfen, Werfen, Werfenweng) vor, meist am Frohnleichnam. Hier werden die Stangen auch mit Wolle umwickelt und ist der Ursprung nicht ganz klar. Es wird vermutet, dass die katholische Kirche während der Gegenreformation viel Pomp und Prahl verwendete, um Seelen in hauptsächlich Evangelischen Dörfern zurückzugewinnen. Evangelische Holzarbeiter hätten den Brauch von dort mit nach Hause genommen, auch nach Rohr im Gebirge in Niederösterreich.

Mehr Salzburg