Salzburger Festspiele

Text: Emely Nobis, Bild: Salzburger Festspiele

Sechs Wochen im Jahr ist das barocke Stadtzentrum Salzburgs Schauplatz der Salzburger Festspiele mit insgesamt rund zweihundert Opern, Theaterstücken und Konzerten. Was macht dieses Festival so magisch?

Jedermann Salzburg 2015

Festspielzeit in Salzburg ist Glamourzeit. Die Galerien der Stadt planen ihre Eröffnungen in diesem Zeitraum – von Mitte Juli bis Ende August. Kaffeehäuser und Restaurants sind extra lange geöffnet. Auf den Terrassen bestaunen die Menschen die Kleidung der Konzert- und Theaterbesucher, die auf dem Weg zum Großen Festspielhaus in der Hofstallgasse wie auf einem Laufsteg an ihnen vorbeiziehen. Nicht, dass es eine offizielle Kleiderordnung gäbe, aber in Jeans und Sportschuhen ist man per Definition underdressed. Wenn auch wir zum Konzertsaal gehen, sehen wir Damen in Nachmittags- und Abendkleidern oder gepflegten Hosen/Röcken mit Bluse und Herren in Anzügen oder ebenso gepflegten Hosen mit Hemd, mit oder ohne Jackett und Krawatte. Ein Japanerin in Kimono und ein Schotte im Kilt sorgen für einen farbenfrohen Touch. Sie vermittelt sofort ein festliches Gefühl, genau wie der Schlumberger-Sekt, der im Festspielhaus besonders gut mundet – auch bei Matinee-Aufführungen.

Jederman – Elckerlijc

Leopoldkroner Weiher mit Blick auf das Schloss Leopoldskron. Im Hintergrund die Festung Hohen Salzburg.


Max Reinhardt

Einer der Begründer der Salzburger Festspiele war Max Reinhardt (1873-1943), der als Sohn ungarischer Juden in Österreich geboren wurde. Er hatte sich bereits einen Ruf als Schauspieler und Theaterregisseur (vor allem in Berlin) erworben, als er 1918 Schloss Leopoldskron in Salzburg kaufte. Er ließ dort Theaterstücke aufführen und es wurde bald zu einem Treffpunkt internationaler Künstler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler. Darüber hinaus begann er gemeinsam mit dem Schriftsteller und Librettisten Hugo von Hofmannsthal und dem Komponisten Richard Strauss Pläne für ein Festival zu schmieden, das ein erstes “Friedensprojekt” nach dem Ersten Weltkrieg sein sollte und Österreich nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs wieder zu einem europäischen Zentrum der Künste machen sollte. Darüber hinaus musste es eine Antithese zu den Bayreuther Festspielen sein, die in ihren Augen zu elitär und zu einseitig auf einen Komponisten (Wagner) und eine Gattung (Oper) ausgerichtet waren. Sie strebten ein integratives Festival für Theater, Oper und Konzerte an.

Reinhardt erklärte die ganze Stadt Salzburg zur Bühne und inszenierte deshalb auf dem Platz vor dem Salzburger Dom das mittelalterliche Sittenstück Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes in einer Bearbeitung von Hugo von Hofmannsthal. Die Uraufführung am 22. August 1920 gilt als die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele. Zudem steht das Stück seit 1926 ununterbrochen auf dem Programm und wurde insgesamt bereits etwa siebenhundert Mal (vierzehnmal pro Saison) gespielt, mit Ausnahme der Zeit von 1938-1945, als es von den Nazis verboten wurde. Jedermann ist damit Teil der DNA der Salzburger Festspiele. Umso lustiger ist es zu wissen, dass es eine Übersetzung des Elckerlijc ist, eine sogenannte Moralität in niederländische Sprache aus dem 15. Jahrhundert, in dem die Hauptfigur durch den unerwartet erscheinenden Tod zur Rechenschaft gezogen wird. Die Moral der Geschichte ist, dass wir alle vor Gott erscheinen müssen. In von Hofmannsthals Version wird sie zu einer allgemeinen menschlichen Geschichte über die Befreiung von weltlichen Besitztümern und das Streben nach dem Höheren, mit der zentralen Frage: Was bedeutet die unvermeidliche Konfrontation mit dem Tod für unser Leben?

Provinzialismus

Richard Strauss © Edith Barakovich

Als Bernhard Paumgartner, Direktor der Salzburger Musikschule Mozarteum, 1921 neben Jedermann Konzerte mit einheimischen Musikern programmierte, führte dies zu einem Konflikt mit Richard Strauss. Aus Furcht vor Qualitätsverlust und Provinzialität griff Strauss zum Telefon und engagierte die Wiener Philharmoniker und den Chor der Wiener Staatsoper, die beide seither mit den Salzburger Festspielen verbunden sind. Strauss selbst dirigierte 1922 die erste Oper auf dem Programm: Mozarts Don Giovanni. Weil er die Latte so hoch legte, setzte er damit den Standard für das folgende Jahrhundert. Immer wieder gelingt es dem Festival, alle, die Rang und Namen haben, zu engagieren. Zum Beispiel Arturo Toscanini, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Ricardo Mutti oder Maris Jansons als Dirigenten, um nur ein Paar zu nennen. Denken Sie an die Filmschauspieler Curd Jürgens, Maximilian Schell und Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Jedermann und an Opernstars wie Elisabeth Schwarzkopf , Jessye Norman, Luciano Pavarotti, Cecilia Bartoli, Placido Domingo und Anna Netrebko.

Pause am Festspielplatz

Der anhaltende Erfolg des Festivals, das inzwischen rund 250.000 Gäste und 4.000 Mitarbeiter pro Saison zählt, beruht auch auf der Kombination aus klassischen Aufführungen und originellen und oft hochkarätigen (Opern-)Produktionen. Das macht sie zu einer lebendigen Tradition: spannend statt verstaubt, innovativ statt konservativ. Natürlich auch etwas elitär, schon allein deshalb, weil sich nicht jeder eine Karte leisten kann oder will (obwohl diese für viele Vorstellungen bereits ab € 20,- erhältlich sind). Das Schöne ist, dass im Sommer jeder kostenlos etwas vom Festspiele-Flair erleben kann, zum Beispiel beim Fest zur Festspieleröffnung am Eröffnungswochenende mit Auftritten auf zahlreichen Bühnen der Stadt. Es ist ein Geschenk der Salzburger Festspiele an Einheimische und Gäste. In den folgenden Wochen werden auf Videoleinwänden auf dem Kapittelplatz allabendlich Konzerte, Opern und Jedermann-Inszenierungen des laufenden und der vergangenen Jahre gezeigt. Diese Freiluftveranstaltungen werden jedes Jahr von mehr als 70.000 Menschen besucht.

Der Festivalgründer Max Reinhardt wohnte bis 1938 in Schloss Leopoldskron, wo er seine Ideen für das “Friedensprojekt” Salzburger Festspiele entwickelte. Der drohende Zweite Weltkrieg zwang ihn, Österreich zu verlassen. Nachdem das Schloss 1938 von der nationalsozialistischen Regierung enteignet worden war, emigrierte er mit seiner Frau über Großbritannien in die Vereinigten Staaten. Dort starb er 1943, ohne den neuen Frieden erleben zu dürfen.

Informationen und Karten: salzburgerfestspiele.at 

Täglich gibt es Führungen hinter den Kulissen der drei Festspielorte in der Hofstallgasse: das große Festspielhaus, die Felsenreitschule und das Haus für Mozart. Sie beginnen jeweils um 14.00 Uhr (deutsch und englisch) und dauern etwa 50 Minuten. Karten sind ab 13.45 Uhr im Festspielshop erhältlich (kostenlos mit der Salzburg Card).

Schloss Leopoldskron, der Geburtsort der Salzburger Festspiele, ist jetzt ein Hotel: schloss-leopoldskron.com

Salzburger Festspiele in 10 Jahreszahlen

1920: Uraufführung, am 22. August, des Stücks Jedermann in der Fassung von Hugo von Hofmannsthal unter der Regie von Max Reinhardt. Dies gilt als die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele. Bereits im folgenden Jahr wird das Programm um Orchester- und Kammerkonzerte sowie einen Ballettabend erweitert.

1925: Eröffnung eines provisorischen Festspielhauses auf dem Gelände der ehemaligen Winterreitschule des Hofes. Im Jahr 2006 wurde dieses kleine Festspielhaus nach einer gründlichen Renovierung als Haus für Mozart mit 1.580 Sitzplätzen wiedereröffnet.

1926: Zum ersten Mal wird die Felsenreitschule als Standort genutzt. Erzbischof Johann Ernst Thun ließ dieses Theater mit 96 Arkaden über drei Stockwerke Ende des 17. Jahrhunderts als Bühne für Pferdeschauen und Tierkämpfe in die Wand eines ehemaligen Steinbruchs einbauen.

1937: Die Familie von Trapp, die der Familie im Musical The Sound of Music als Vorbild diente, gewinnt als Salzburger Kammerchor Trapp einen Chorwettbewerb der Salzburger Festspiele und setzt sich international durch. Nach einer Tournee durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1938 beschließt die Familie, nicht nach Österreich zurückzukehren, weil Vater Georg von Trapp seine Einberufung in die deutsche Wehrmacht nicht nachkommen will. Bereits zu Beginn des Jahres hatte er einen Auftritt des Familienchores an Hitlers Geburtstag abgelehnt.

1938: Hofmannsthals Jedermann darf nach dem “Anschluss” wegen der jüdischen Wurzeln des Autors nicht mehr aufgeführt werden. Der Vorstand der Festspiele wurde von der NSDAP übernommen und das Programm stark verkürzt. Im Jahr 1944, nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli, gab es überhaupt keine Festspiele.

1960: Eröffnung des Großen Festspielhauses (2.200 Plätze) am 26. Juli mit der Oper Der Rosenkavalier von Richard Strauss. Am Pult stand Herbert von Karajan. Zwischen 1964 und 1988 hatte dieser Dirigent als Mitglied des Direktoriums großen Einfluss auf die Programmgestaltung und trug damit weiter zum weltweiten Ansehen der Festspiele bei.

1980: Erste Ausgabe des Festes zur Festspieleröffnung, das seither alljährlich am Eröffnungswochenende mit kostenlosen Aufführungen in der ganzen Stadt (unter freiem Himmel und in Konzertsälen, Kirchen und Theatern) stattfindet und in einem Fackeltanz von 100 Tanzpaaren rund um den Residenzbrunnen gipfelt.

1992: Die künstlerische Leitung der Festspiele, bis dahin in Händen eines Kuratoriums, wurde einem Intendanten übertragen, der auch für die Programmgestaltung und die Besetzung aller Opern verantwortlich ist. Präsidentin des Festivals (seit 1995) ist Helga Rabl-Stadler, die erste weibliche und die am längsten dienende Funktionärin in dieser Funktion.

2002: Beginn der jährlichen Siemens FestSpielNächte auf dem Kapittelplatz mit Konzerten, Opern und Jedermann-Inszenierungen des laufenden Jahres und früherer Ausgaben allabendlich ab 18 Uhr auf Videoleinwänden. Eintritt frei. siemens.at/festspielnaechte

2020: Die Salzburger Festspiele feiern ihr 100-jähriges Bestehen mit einem auf die Koronapandemie abgestimmten Programm.

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