Voestalpine

Stahl aus Linz

Text: Emely Nobis / Bild: Voestalpine AG

Wie es einem Hersteller von hochqualifizierten Stahlprodukten gelang, seine belastete Vergangenheit in eine saubere Zukunft zu verwandeln.

Warum Voestalpine Aufmerksamkeit schenken?

Ein Stahlproduzent: Das klingt nicht unbedingt interessant. Tatsache ist jedoch, dass wir alle etwas im Haus haben, wo Stahl von Voestalpine drin ist. Größter Abnehmer des österreichischen Stahlgiganten ist die Automobilindustrie, gefolgt von Herstellern von Haushaltsgeräten und dem Baugewerbe. Die Voestalpine hat ihren Hauptsitz in Linz (Oberösterreich) und verfügt weltweit über fünfhundert Produktionsstätten in fünfzig Ländern mit insgesamt 50.000 Mitarbeitern. Zum Beispiel werden bei Voestalpine Automotive Components in verschieden Orten in Deutschland, wie z.B. Birkenfeld, Böhmenkirch und Dettingen, hergestellt. Ein Besuch des Hüttenwerks in Linz, wie das Industriegebiet der Voestalpine in dieser Stadt genannt wird, ist jedenfalls faszinierend. Eine Multimedia-Ausstellung im Besucherzentrum Stahlwelt zeigt, wie viel Forschung und Technologie bei der Entwicklung und Herstellung von Stahl im Spiel ist, wie viele Stahlsorten es gibt (Hunderte) und was daraus hergestellt wird. Eine Führung durch das riesige Gewerbegebiet ist ebenfalls möglich.

Wer hat sie gegründet?

Museum Zeitgeschichte

Adolf Hitler und Hermann Göring… es ist nicht anders. Dank seiner Lage an der Donau (und den damit verbundenen Transportmöglichkeiten) erwies sich Linz als idealer Standort für die Stahlwerke, die für die NS-Kriegsindustrie benötigt wurden. Nach dem Anschluss 1938 wurde der Linzer Stadtteil St. Peter-Zizlau abgerissen (und seine 4500 Einwohner über andere Stadtteile verstreut), um Platz für die damals so genannten Hermann-Göring-Werke zu schaffen. Ein großer Teil der Arbeiter waren ausländische (Zwangs-)Arbeiter und ab 1942 vor allem männliche Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen. Am 5. Mai 1945 nehmen amerikanische Truppen Linz ein. Das zerbombte Stahlwerk wurde als deutsches Eigentum beschlagnahmt und in Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerkte AG (VÖEST) umbenannt. Ein Jahr später übergaben die Amerikaner das Unternehmen an den österreichischen Staat und dank Kapital aus dem US-Marshallplan konnte der Wiederaufbau beginnen. 1973 fusionierte VÖEST mit der Österreichisch-Alpine-Montangesellschaft zur Voestalpine. Zwischen 1995 und 2003 wurde das Stahlunternehmen schrittweise privatisiert. Die eigenen Mitarbeiter sind nun mit 15 Prozent der größte Anteilseigner. Die belastete Geschichte der Voestalpine wird nicht versteckt, sondern im historischen Museum Zeitgeschichte im Industriepark mit einer Dauerausstellung zu den Hintergründen des Nationalsozialismus in Linz, dem unmenschlichen Umgang mit Zwangsarbeitern und der Zerstörung und dem Wiederaufbau der Stahlwerken ausführlich erläutert.

Wann ist es so groß geworden?

Hochofen

Ein wichtiges Jahr in der Nachkriegsgeschichte ist 1949, als es Linzer Wissenschaftlern gelang, Stahl nach dem Linz-Donawitz-Verfahren, besser bekannt als Oxidstahlverfahren, herzustellen. Bei diesem Verfahren wird flüssiges Roheisen aus einem Hochofen zusammen mit bis zu 25% Stahlschrott in einen Konvektor eingebracht. Durch anschließendes Einblasen von reinem Sauerstoff über eine wassergekühlte Lanze in den Konvektor oxidiert ein großer Teil des Kohlenstoffs, der den Stahl spröde machen würde. Da bei diesem Prozess sehr viel Wärme freigesetzt wird, muss keine externe Wärme zugeführt werden, um das Stahlgemisch im Konvektor zu verflüssigen. Zudem ist das Verfahren schnell; 200 Tonnen Edelstahl können in 20 Minuten hergestellt werden. Das in Linz erfundene Verfahren ersetzte das übliche Siemens-Martin-Verfahren (bei dem große Mengen Kohlenmonoxid freigesetzt werden) fast vollständig und setzte die Voestalpine auf die Landkarte.

Wie schaut eine Besichtigung aus?

Empfang Besucherzentrum

Während einer eineinhalbstündigen geführten Busfahrt durch das 5,2 Quadratkilometer große Gewerbegebiet sehen Sie Hochöfen, Konvektoren, Kraftwerke, Stahlschrotthaufen, Berge von Rohstoffen wie Kalk, Kohle, Koks und Eisenerz, die ‚Prammen‘, aus denen dünne Stahlplatten gepresst werden, sowie das Hafenbecken und den Rangierbahnhof, von dem aus der Stahl zu Kunden in aller Welt transportiert wird. Der Bus hält zwei oder drei Mal an, um Besuchern die Arbeit aus nächster Nähe zu zeigen. Dann besuchen Sie einen Hochofen, eine Halle, in der Roboter Komponenten für die Automobilindustrie zusammenbauen, und ein Walzwerk, wo die Prammen glühend heiß erhitzt und gewalzt werden, bis sie nur noch 2 Millimeter dick (und damit aufrollbar) sind. Natürlich erhalten Sie eine Menge Information. So stellt sich heraus, dass ein großer Teil der benötigten Energie von der Voestalpine selbst erzeugt wird und dass es ihr gelingt, den größten Teil des Abfalls und des benötigten Wassers wiederzuverwerten. Sie macht die Voestalpine zu einem der saubersten Stahlwerke und Linz zu einer der saubersten Industriestädte Europas.

Wo müssen Sie sein?

Die Stahlwelt (Voestalpine-Straße 4) und das Museum für Zeitgeschichte (Voestalpine-Straße 1, blauer Turm) liegen am Werksgelände. Eintrittskarten und Informationen Stahlwelt: voestalpine.com/stahlwelt

Der Eintritt in das Museum für Zeitgeschichte ist frei. voestalpine.com/zeitgeschichte

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